„Die kulturellen Unterschiede mussten wir erst einmal kennenlernen“

Das Ambulante Hospiz St. Josef Neunkirchen möchte seine Dienste auch Patienten mit Migrationshintergrund anbieten und hat dazu ein Projekt durchgeführt

Während der Arbeit an dem Projekt zur Ambulanten hospizlich/palliativen Betreuung von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund hat die Hospizfachkraft Petra Hohnsbein viel gelernt. FOTO: privat

20.10.2010

Neunkirchen. „Wir haben viel gelernt und einige unserer Einstellungen haben sich verändert“, berichtet Petra Hohnsbein. Die Hospizfachkraft des Ambulanten Hospizes St. Josef in Neunkirchen hat im letzten Jahr ein Projekt zur Ambulanten hospizlich/palliativen Betreuung von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund durchgeführt, das vom Saarländischen Ministerium für Arbeit, Familie, Prävention, Soziales und Sport gefördert wurde. Die Idee zu diesem Projekt ist ihr und ihren Kolleginnen gekommen, weil sie festgestellt haben, dass sie hauptsächlich deutsche Familien begleiten. „Und unsere Dienste sollen doch allen Menschen in Neunkirchen und Umgebung zur Verfügung stehen – egal welcher Religion sie angehören oder wo sie herkommen“, zitiert Hohnsbein aus den Leitlinien. Zwar gibt es seit längerer Zeit Informationsmaterial zum Angebot des Ambulanten Hospizes in verschiedenen Sprachen, so zum Beispiel italienisch, türkisch und russisch, „aber nachgefragt wurde eine Begleitung bisher nur selten“, weiß Hohnsbein aus ihrer Praxis.

Gründe dafür gibt es viele. So wissen viele betroffene Familien mit Migrationshintergrund gar nicht, dass sie sich für die Begleitung und Betreuung ihrer schwerstkranken und sterbenden Angehörigen Hilfe holen können. Oft sind Migranten auch sehr zurückhaltend, wenn es darum geht institutionelle Hilfe anzunehmen. „Aber selbst wenn man das System kennt, heißt es nicht zwangsläufig, dass es auch genutzt wird“, hat Hohnsbein während ihrer Projektarbeit festgestellt. Oft sind es kulturelle Unterschiede, die die Betroffenen zögern lassen. Vielleicht kommen die Menschen aus einem Land, in dem ein solches Angebot fremd ist, weil dort andere Wege, Hilfen oder Unterstützung üblich sind. Bei älteren Migranten sind es auch oft Sprachprobleme – die meisten sprechen, obwohl sie bereits viele Jahre in Deutschland leben, kaum Deutsch. Viele kamen ursprünglich als Gastarbeiter – in Neunkirchen und Umgebung sorgte die Hütten- und Grubenindustrie für einen großen Arbeitskräftebedarf. „Das Älterwerden in der Fremde war meist nicht beabsichtigt – daher besteht häufig eine große Ambivalenz bezüglich des Lebensabends in Deutschland“, erklärt Hohnsbein. Und oft können die Migranten auf eine sehr intakte familiäre Versorgungsstruktur zurückgreifen.

„Aber auch hier können wir sicher noch weitere Hilfe anbieten“, ist sich Petra Hohnsbein sicher. Die Begleitung und Betreuung von Patienten mit Migrationshintergrund war für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Ambulanten Hospizes St. Josef anfangs mit vielen Unsicherheiten verbunden. „Gerade die kulturellen Unterschiede mussten wir erst einmal kennenlernen – die unterschiedlichen Rituale, Gebräuche und Gewohnheiten“, erläutert Hohnsbein. Im Rahmen ihrer Projektarbeit hat sie sich mit verschiedensten Vertreter der Migrantengruppen getroffen. So tauschte sie sich mit der italienischen und russischen Gemeinde aus und traf den Imam einer muslimischen Gemeinde. „Gerade die islamische Kultur bietet viele interessante Aspekte“, berichtet Hohnsbein. Gemeinsam mit dem Imam hat sie den Austausch zwischen den beiden Kulturen intensiviert. „Eine große Hilfe war die Integrationsbeauftragte der Stadt Neunkirchen“, erklärt Hohnsbein. Sie hat Schulungen für die haupt- und ehrenamtlichen Hospizmitarbeiter durchgeführt, um diese für die interkulturelle Kommunikation zu sensibilisieren. „Oft hilft es ja schon, wenn man sich bewusst macht, dass bestimmte Begriffe, Definitionen, Kategorien und Bedeutungen unterschiedlich besetzt sind“, so Hohnsbein.

„Auch ich habe während dieses Projektes über einige Dinge neu nachgedacht“, resümiert Hohnsbein. So war sie beispielsweise der Ansicht, dass man dem Patienten immer die Wahrheit über seinen Zustand sagen müsse. In muslimischen Familien hingegen wollen die Angehörigen nicht immer, dass der Betroffene über seinen baldigen Tod informiert wird. Heute sieht sie das Thema Wahrheit am Krankenbett viel kritischer: „Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob es für jeden wichtig ist zu wissen, wann das Leben zu Ende geht?“

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