„Bei uns kann man auch mitten in der Nacht Spaghetti kochen“

Im Franziskus-Hospiz Hochdahl haben Schüler regelmäßig Gelegenheit, das Hospiz und die Aufgaben in der Sterbebegleitung kennen zu lernen

Die Schulklasse besichtigte auch den Innenhof des Franziskus-Hospizes. „Hier können die Gäste, wann immer sie es möchten, draußen sein und den Himmel sehen – auch wenn sie bereits bettlägerig sind“, erklärte ihnen Ulrike Proba-Köhler (rechts).

24.02.2011

Hochdahl. „Jeder, der unser Haus zum ersten Mal besucht, geht verändert wieder heraus“, ist Ulrike Proba-Köhler überzeugt. Sie ist im Franziskus-Hospiz Hochdahl für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und nimmt sich regelmäßig Zeit, Schulklassen aus der Region einen Einblick in die Arbeit der stationären Hospize zu geben. So auch wieder Ende Januar: 20 Schülerinnen und Schüler eines evangelischen Religionskurses der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule aus Langenfeld waren einen Vormittag zu Gast im stationären Hospiz. Die 16- bis 17-Jährigen hatten die Themen Sterben und Tod zuvor im Unterricht behandelt, waren persönlich jedoch kaum damit in Berührung gekommen. „Ich finde es toll, dass ihr euch für die Arbeit im Hospiz interessiert“, begrüßte Proba-Köhler die Jugendlichen. Sie weiß, dass es besonders für junge Leute nicht selbstverständlich ist, ein Haus zu besuchen, in dem andere Menschen sterben.

Ein kleiner Cartoon verdeutlichte den Schülern, worum es bei ihrem Besuch ging: Der Sensenmann klopft an eine Wohnungstür und wird von einer Hausfrau wie ein lästiger Vertreter abgewimmelt: „Nein danke, wir sterben nicht!“ Die Schüler haben die Botschaft schnell erkannt: Sterben und Tod werden in der Gesellschaft gerne verdrängt. „In der Hospizarbeit, ob ambulant oder stationär, ist der Tod allerdings sehr gegenwärtig“, erklärte Proba-Köhler. Sie vermittelte den Jugendlichen die zentralen Aufgaben der Hospizarbeit, wie zum Beispiel den Gästen ihre Schmerzen zu lindern und ihnen so mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Ein Schüler bemerkte sehr richtig: „Schmerzen können so stark sein, dass man sich nur noch wünscht, man wäre tot“. Wenn aber Schmerzen nach langer Zeit nachließen, so Proba-Köhler, erwache bei einigen wieder die Lebensfreude. Dank einer gezielten Schmerztherapie können die Gäste so ihre letzte Lebensphase möglichst entspannt und bewusst erleben.

Um ihnen ein wenig den Alltag im Hospiz zu zeigen, führte sie die Gruppe auch durch das Haus und zeigte ihnen die Wohnküche und auch den Verabschiedungsraum (in dem Verstorbene aufgebahrt werden können). Begegnete der Gruppe auf dem Flur ein Gast, wurden die Jugendlichen recht still. Ihnen wurde klar, worauf es bei der Hospizarbeit ankommt: Schwerstkranke und Sterbende bekommen hier eine intensive Pflege und Begleitung, die genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Und sie können, wenn es zu Hause nicht mehr geht, im stationären Hospiz ihre letzte Zeit in einer besonders angenehmen und wohnlichen Umgebung verbringen.

Je näher die Themen an die eigene Lebenswelt der Schüler heran reichten, desto deutlicher zeigte sich ihre Betroffenheit. Als sie zum Beispiel erfuhren, dass auch 20-Jährige Hospizpatienten sein können, reagierten die meisten bestürzt. Ein Schüler wollte daraufhin wissen, ob es schon mal ein Wunder gegeben habe und ein junger Mensch plötzlich wieder gesund geworden sei. „Leider ist es so, dass sich besonders bei jungen Menschen der Zustand oft sehr rasch verschlechtert“, musste ihm Proba-Köhler antworten.

„Hospiz heißt auch Wünsche erfüllen“, ging Proba-Köhler auf einen weiteren zentralen Aspekt der Hospizarbeit ein. Daher arbeiten im Hospiz gemeinsam mit den Palliative Care Teams regelmäßig über 100 Ehrenamtliche. Diese große Zahl verwunderte die Jugendlichen, denn das Haus hat lediglich acht Betten. Aber nur mit den zahlreichen Ehrenamtlichen ist stationär und ambulant die intensive Begleitung möglich. Sie sitzen manchmal stundenlang bei einem Sterbenden am Bett und sind einfach nur da. Oder sie sorgen dafür, dass sich eine Frau noch einmal mit ihrem Bruder aussprechen kann, mit dem sie jahrelang im Streit lag. Oder sie begleiten einen Schwerstkranken ins Fußballstadion, damit er ein letztes Spiel seines Lieblingsvereins sehen kann. Auch beim Essen werden die Wünsche berücksichtigt. Dabei gilt: Es muss nicht immer hundertprozentig gesund sein, solange es den Gästen Freude macht. „Bei uns kann man auch mitten in der Nacht Spaghetti kochen, wenn ein Gast darauf Appetit hat und ein Angehöriger ihm diesen Wunsch erfüllen möchte“, gab Proba-Köhler den Jugendlichen ein anschauliches Beispiel.

„Ich bin total überrascht, wie locker hier alles ist“ – „Im Verabschiedungsraum habe ich mich irgendwie komisch gefühlt“ –  „Ich dachte, es wäre hier größer und mehr wie in einem Krankenhaus“ – „Es ist richtig toll, dass Sie den Sterbenden noch ihre letzten Wünsche erfüllen“. Die Kommentare der Jugendlichen beim abschließenden Gespräch machten deutlich, dass sie sich einige Gedanken gemacht und sich auf das Thema Sterbebegleitung eingelassen hatten. „Ich nehme die Schulklassen, die uns besuchen, immer sehr ernst“, so Proba-Köhler. Denn sie sieht hier die Gelegenheit, Jugendliche für Sterben und Tod sowie für Hospizarbeit zu sensibilisieren und ihnen Berührungsängste nehmen. Und so verlassen einige der Schülerinnen und Schüler das Haus tatsächlich in gewisser Weise anders, als sie es betreten haben, nämlich mit vielen neuen und zum Nachdenken anregenden Eindrücken.

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